Gerhard_Schrabal-1Gerhard Schrabal leitet Kuschelparties in München. Dazu passend hat er ein Buch veröffentlicht, das sich mit diesem Konzept auseinandersetzt. Auf der provego-Messe in Darmstadt ergab sich dazu die Möglichkeit, ein Interview mit ihm zu führen. Hier die spannenden Antworten. (Foto: Copyright Gerhard Schrabal)

Kuscheln ist ja eigentlich etwas Schönes. Wieso haben aber so viele Leute Probleme, wenn es um dieses Thema geht, das Sie für Ihr Buch in den Fokus gerückt haben?

Kuscheln ist ein menschliches Grundbedürfnis, so wie Essen und Trinken. Es reduziert den Stress, lässt uns entspannen, macht uns glücklich und gesund. Das ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen. Viele Menschen haben aber als Kind schlechte Erfahrungen damit gemacht. Sei es, dass ihr Bedürfnis nicht ausreichend befriedigt oder sogar unterdrückt wurde, oder dass sie sexuellen Mißbrauch erfahren mussten. Das führt dann beim Erwachsenen zu einer Schutzhaltung: will ich nicht, brauche ich nicht, ist mir zu gefährlich, mache ich, wenn überhaupt, nur mit vertrauten Menschen. Auf diese Weise vergrößert sich der Mangel bei diesen Menschen immer mehr. Sie suchen nach einer Ersatzbefriedigung durch übermäßiges Essen, Alkohol, Nikotin, Drogen oder Sex. Das ursprüngliche Bedürfnis bleibt aber ungestillt, und so kann keine echte Zufriedenheit aufkommen. Da dies in unserer Gesellschaft bisher noch nicht thematisiert wurde, wissen die meisten gar nicht, was ihnen fehlt.

Wie kamen Sie auf die Idee, darüber ein Buch zu schreiben?

Das Schlüsselwort heißt „Kuschelenergie“. Bei der Anleitung von Kuschelpartys habe ich einen höchst interessanten gruppendynamischen Effekt beobachtet: Es entsteht eine sehr dichte Atmosphäre im Raum – eine Art „Energie“ oder „Feld“, die das Glücksgefühl jedes Einzelnen dramatisch verstärkt. Diese revolutionäre Entdeckung wollte ich einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen.

Außerdem assoziieren die meisten Menschen etwas völlig Falsches mit dem Begriff Kuschelparty. Mein Buch soll dazu dienen, hier seriöse Aufklärung zu betreiben und die vorhandenen Missverständnisse auszuräumen.

Auf Anime- und Mangamessen finden sich viele junge Menschen im Kostüm, die Schilde mit „Free Hugs“ oder „Hug Me“ um den Hals tragen. Wie würde Ihrer Meinung nach eine Welt aussehen, in der es mehr Umarmungen gäbe und in der sich keiner mehr scheut, darum zu bitten?

Ich würde noch einen Schritt weitergehen, denn bei Kuschelpartys und „Kuschelenergie“ geht es nicht nur um Umarmungen oder angenehme absichtslose Berührungen. Es geht um das Gefühl des bedingungslosen zwischenmenschlichen Angenommenseins, um echte Zugehörigkeit, um die ganz praktische Umsetzung christlicher Nächstenliebe in ihrer ursprünglichen Bedeutung. Wenn wir das in unserer Gesellschaft umsetzen, kommen wir dem „Himmel auf Erden“ ein ganzes Stück näher.

Oder, um die Frage zurückzugeben: wie würde eine Welt aussehen, in der die Menschen nicht mehr handeln, um Liebe und Anerkennung von anderen zu bekommen, sondern um sie anderen zu geben?

Welches Projekt verfolgen Sie gerade besonders begeistert?

Ich arbeite an meinem zweiten Buch mit dem Arbeitstitel „Spielerisches Balgen und Raufen für Erwachsene“. Dieses Thema beschäftigt mich seit fast 20 Jahren und damit viel länger als das Thema Kuscheln – und es gibt auch noch wesentlich mehr Aufklärungsbedarf in der Öffentlichkeit. Kindlich spielerisches Raufen kann übrigens auch ein sehr schönes Warm-Up für das anschließende Kuscheln sein. So verwenden wir es z.B. bei unseren Münchner Rauf- und Kuschelabenden.

Sie halten auch Vorträge zu Ihrem Thema, wie bspw. auf der provego-Messe in Darmstadt. Wie empfinden Sie den direkten Kontakt zu Ihren Lesern und/oder Interessierten?

Ich möchte mit meinen Vorträgen nicht nur Wissen vermitteln, sondern „Kuschelenergie“ für die Zuhörer ganz praktisch erfahrbar machen. Meine Vorträge haben daher einen ausgesprochenen Workshop-Charakter. Es ist immer wieder sehr berührend, wie schnell und wie tief die Teilnehmer sich auf diese Erfahrung einlassen können. Hinterher bedarf es dann immer einer „Abklingphase“, bevor sie wieder in die „raue Wirklichkeit“ zurückkehren können. Das ist wie bei einer sehr tiefen Meditation, wo man ja auch mehrere Minuten braucht, um wieder in die Realität zurückzukommen.

Welche Bücher/Hörbücher/Comics würden Sie jederzeit empfehlen und welche lesen/hören Sie selbst?

Zwei Bücher von Robert Pirsig „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“ sowie „Lila“. Und ganz wichtig die „Gesetze der Form“ von George Spencer Brown. Die kann und sollte man immer wieder lesen.

Wie dürfen sich die Leser den Verlauf einer Kuschel-Party vorstellen?

Das kann man sich nicht vorstellen. Da hilft nur hingehen und es selbst erleben. Außerdem ist jede Veranstaltung anders. Um eine wirklich gute Vorstellung zu bekommen, sollte man also möglichst verschiedene Veranstaltungen besuchen oder zumindest mehrfach die gleiche. Wer diesen Schritt nicht tun will oder kann, findet in meinem Buch ein ausführliches Kapitel zum Thema: „Was ist eine Kuschelparty?“

Möchten Sie Ihren Lesern noch etwas mitteilen?

Ich habe immer ein großes Problem gehabt mit dem esoterischen Gerede über „Energien“ und „Felder“. Ich bin Ingenieur, und in der Physik ist ganz klar definiert, was eine Energie und was ein Feld ist – und was nicht. Irgendwann habe ich mich dann dabei ertappt, wie ich selbst von „Kuschelenergie“ gesprochen habe, obwohl das im physikalischen Sinn natürlich auch keine Energie ist. Der eigentliche Effekt ist für mich klar wahrnehmbar, aber ich habe keinen wirklich passenden Begriff dafür.

Letztes Jahr war ich dann zu einem Kongress in Berlin eingeladen, als spiritueller Lehrer bei Forum Erleuchtung. Dort gab es einen ähnlichen Effekt, aber von anderer Qualität und noch wesentlich stärker. Die Leute dort sprechen von einem „Feld“, und das trifft es wohl besser. Das in Berlin war auch für meine Wahrnehmung eher eine Art „Bewusstseinsfeld“, während ich bei Kuschelpartys weiterhin von einer „Kuschelenergie“ sprechen würde.

Vielen Dank für das Interview.

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