Mohsen CharifiMohsen Charifi ist der Autor des herrlichen „Ein Tag mit der Liebe“. Da er neben seiner Tätigkeit als Autor aber auch noch spannenden anderen Arbeiten nachgeht, gestalten sich Gespräche mit ihm immer sehr abwechslungsreich. Umso schöner, dass er die Zeit für die Beantwortung einiger Fragen gefunden hat. (Foto: Copyright Bettina Charifi; Slide-Foto: Copyright Nora Scheffel)

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben.
In „Ein Tag mit der Liebe“ trifft die Verliebtheit auf die Liebe und befragt sie, wie sie selbst zur Liebe werden kann. Wie kamen Sie auf die Idee, die beiden Gefühle in Form von menschlichen Figuren aufeinandertreffen zu lassen?

Sowohl privat als auch beruflich, insbesondere in meiner Funktion als Paarberater, habe ich über Jahrzehnte erfahren, wie die Menschen im Namen der Liebe sich und anderen großes Leid zufügen. Das Entscheidende ist jedoch, dass es sich bei diesen Gefühlen und Beweggründen niemals um Liebe, sondern höchstens um Verliebtheit handelt. Liebe und Verliebtheit haben zwar ähnliche Züge und zuweilen ähnliche Muster und werden daher öfter miteinander verwechselt, sie stammen aber aus verschiedenen Quellen und haben gänzlich verschiedene Funktionen. Vollzieht man diese Trennung nicht, wird man durch Verliebtheit irregeführt und kommt auch der Liebe nicht nah. Indem ich Liebe und Verliebtheit miteinander reden lasse, habe ich die Möglichkeit geschaffen, systematisch das Wesen der Liebe und der Verliebtheit und ihren Sinn und Zweck zu klären.

Worin besteht für Sie der Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe?

Liebe und Verliebtheit haben zwar äußerlich gewisse Ähnlichkeiten und werden daher oft miteinander verwechselt, aber in Wirklichkeit sind sie Wesen von verschiedenen Welten. Die Verliebtheit hat ihre Wurzeln in einer biologischen Notwendigkeit und dient der Arterhaltung. Aber das Erleben der Verliebtheit entsteht aus pochendem Herzen, leiblicher und seelischer Verschmelzung und alles überflutender Sehnsucht. Liebe ist aber viel viel mehr als das, was man im Alltag zum Beispiel Mutterliebe etc. bezeichnet. Durch den Dialog zwischen Verliebtheit, einem jungen Mädchen mit all ihren irdischen Bedürfnissen, Hoffnungen, Ängste, Trauer etc., und Liebe, einem alten weisen Mann, wird das Wesen der Liebe – das eine ein Seinszustand, das andere eine kosmische Anschauung – systematisch herauskristallisiert.

Ursprünglich haben Sie Gedichte und Aphorismen geschrieben. Was hat Sie dazu inspiriert, von kurzen Texten zu einer Romanform zu wechseln?

Lieben und sich Verlieben sind extrem komplexe Prozesse. Einzelne Gedanken wie Aphorismen und Gedichte sind weder quantitativ noch qualitativ in der Lage, diesen komplexen Prozessen gerecht zu werden.

Sie sagen von sich selbst, dass Sie die prägende Mystik des Morgenlandes und die nüchterne Aufklärung des Abendlandes miteinander verbinden. Worin sehen Sie diese beiden Aspekte in Ihrer Arbeit und in Ihrer Tätigkeit als Autor?

Nicht nur die Mystik des Morgenlandes und die Aufklärung des Abendlandes, sondern auch mein Werdegang als Physiker und meine Tätigkeit als Psychotherapeut sind die prägenden Merkmale meines Fühlens, Denkens und Handelns. Diese interdisziplinäre und multikulturelle Basis eröffnet sowohl therapeutisch als auch literarisch und philosophisch völlig neue Dimensionen.

Wie lassen sich Ihre Tätigkeit als Physiker und Psychotherapeut miteinander vereinbaren?

Die Physik beschäftigt sich mit den Gesetzen und dem Verstehen der materiellen Welt und die Psychologie mit den Begriffen der nichtstofflichen Welt (Gefühle, Seele, Motive…). Die Trennung dieser Disziplinen ist methodisch und inhaltlich unvermeidbar, aber ihre Verschmelzung umso nötiger und unabdingbarer, wenn es um die Suche nach der Wahrheit und dem Ursprung alles Seienden geht.

Sie arbeiten auch als Coach und Seminarleiter. Welche Aspekte daran gefallen Ihnen besonders, die Sie durch das Schreiben nicht umsetzen können?

Sowohl die direkte Arbeit mit meinen Gesprächspartnern als auch die Herausforderung, ein Buch zu erfassen, haben ihre ganz eigenen Reize. Bei der Erledigung des einen vermisse ich nie den Reiz des anderen. Alle meine Tätigkeiten sind Schritte meines Werdens und jede von ihnen ist die Quelle meiner Freude.

Sie bieten auch einen „Geistigen Waldlauf“ an. Was darf man sich darunter vorstellen?

Der „Geistige Waldlauf“ findet nicht in irgendwelchen Wäldern, sondern in meiner Praxis und in den Köpfen und Herzen der Teilnehmer statt. Aus jahrelanger Erfahrung als Coach, Therapeut, Gutachter, Seminarleiter, Orientaler und Europäer weiß ich, dass es eine große Anzahl von Problemen, Ängsten, Konflikten etc. gibt, die den Menschen belasten und das Leben schwer machen. Im „Geistigen Waldlauf“ wird systematisch und durch die konkreten Beispiele aus dem Leben herauskristallisiert, dass praktisch alle Probleme nur ein Ursache haben. Das Aufdecken und Überwinden dieser Ursache ist das Ziel des „Geistigen Waldlaufs“ mit der Folge: Selbstbestimmtes Leben, Leichtigkeit und Gelassenheit.

Wie meinen Sie das, wenn Sie von einer einzigen Ursache für alle Probleme sprechen?

Fakten, Prozesse und Situationen, die als Problem bezeichnet werden, sind Ereignisse. Was aber unser Leben beeinflusst, sind weniger die Ereignisse selbst, sondern vielmehr unsere Erlebnisse, d.h. die Art und Weise, wie wir Problemen begegnen. Unsere Persönlichkeitsstruktur, mit all ihren Stärken und Schwächen ist der Regisseur all unserer Rollen und der Gestalter der Erlebnisse und damit die Ursache unseres Problemempfindens. Wir sind der Schöpfer und nicht das Opfer der Situationen.

Welche Bücher haben Sie im Lauf Ihres Lebens am meisten beeindruckt? Lesen oder hören Sie aktuell etwas, das Sie Ihren Lesern empfehlen möchten?

Wenn es sich nicht lohnt, ein Buch mehrmals zu lesen, dann lohnt es sich auch nicht, es einmal zu lesen. Deshalb kommen nur wenige Bücher für mich in Frage. Folgende Bücher habe ich zum Beispiel mehrmals gelesen und werde sie auch immer wieder lesen: „Also sprach Zarathustra“ von Nietzsche und „Einbruch in die Freiheit“ von Krishnamurti.

Wie sehen Ihre aktuellen Projekte aus? Was dürfen Ihre Leser von Ihnen erwarten?

Es gibt in der Tat mehrere Themen, die mich beschäftigen. Aber ich warte, bis mein Kopf und mein Herz sich darüber einig sind, über welches Thema ich mein nächstes Buch schreiben werde.

Vielen Dank für das Interview.

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