Horst Berner ist der gefragte Übersetzer von unzähligen Comics, die sich bereits jetzt als Klassiker erwiesen haben. Sein Können ist unbestritten und sorgt für wunderbare Lesestunden. (Foto: Copyright Yannick Fallek)

Danke, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast.

Du bist in Comic-Kreisen bekannt für eine ganze Reihe von Übersetzungen. Wie hast Du damals gestartet und welcher Comic war für Dich der erste, den Du übersetzt hast?

Genau kann ich das nicht mehr sagen. Ich weiß, dass ich ganz am Anfang einige Übersetzungen von Superhelden-Comics für Ehapa und einiges für Fanzines machte. Mit einem dieser früh bearbeiteten Comics, Der Rote Falke von Cothias und Juillard, den ich in den 1980er-Jahren für den Reiner-Feest-Verlag übersetzt habe, wurde ich unlängst wieder konfrontiert. Finix Comics plant die Herausgabe der kompletten Reihe und bat mich um die Erlaubnis, meine Übertragung der ersten Bände als Basis für ihre Neuauflage zu nutzen.

Übersetzungen werden ja in allen möglichen Sparten vorgenommen. Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich auf den Comicbereich zu spezialisieren?

Das ist aus der Leidenschaft für Comics erwachsen. Anfangs arbeitete ich hauptsächlich als Grafiker, habe jedoch nebenbei schon immer auch geschrieben: Comicrezensionen, Autoren- und Serienportraits und so was. Ich hatte dafür aber kein Konzept, das Übersetzen von Comics hat sich einfach nach und nach ergeben. Heute nimmt diese Arbeit eine wichtige Rolle in meinem beruflichen Tun ein, und ich mache sie sehr gern.

Wie bereitest Du Dich auf Deine Übersetzungen vor?

Da gibt‘s kein besonderes Rezept. Der Comic wird gelesen, ich mache mich, wenn nötig, über die Serie und die Autoren kundig, und dann geht’s los. Eine Herausforderung ist mitunter der Sprung von einer Reihe zur nächsten. Die Sprache bei Boule & Bill ist eine andere als bei Michel Vaillant, die bei Bouncer eine andere als bei Tassilo. Also muss ich mich in das jeweilige Universum immer erst wieder neu einfinden. Da hilft dann oft, dass ich mir das zuletzt erschienene Album noch mal durchlese. In einem Artikel für das Comicmagazin ZACK im August 2011 habe ich versucht, ein paar der mir wichtigen Aspekte beim Comic-Übersetzen darzustellen. Dazu gehört aus meiner Sicht unter anderem, dass sich der übertragene Text nah am Original bewegt.

Bei Problemen und Schwierigkeiten – kannst Du auf die Hilfe der Autoren / Zeichner bauen, wenn Du bestimmte Punkte genauer klären musst?

Derlei Probleme haben sich eigentlich nie wirklich gestellt. Falls es inhaltliche Fragen gibt, recherchiere ich selbst. Früher in Nachschlagewerken, heute im Internet. Sollte es Probleme anderer Art geben, wäre mein erster Ansprechpartner der verantwortliche Redakteur im hiesigen Verlag, der dann Rücksprache mit dem lizenzgebenden Verlag halten könnte. Da ich praktisch nur franko-belgische BD‘s (Anm.: Bande dessinée – der französische Begriff für Comicbände) übersetze und meine Frau Französin ist, habe ich, falls es auf sprachlicher Ebene ein Defizit gibt, die direkte Ansprechpartnerin im Haus. Schwierigkeiten können sich eventuell dann ergeben, wenn es zu einer zeitnahen Übertragung eines Bandes kommt, der einen komplexen Erzählzyklus eröffnet, und man als Übersetzer nicht genau weiß, wo die Story hinführt. Da kribbelt es dann mitunter im Schädel, weil die kleinste Nuance in der Wortwahl von Bedeutung sein kann, und man im dümmsten Fall in einem der Folgebände eine unangenehme Überraschung erlebt. Ein bisschen ging mir das anfangs so bei der in der ZACK Edition vorliegenden Serie Empire USA, wo die einleitenden Szenen im ersten Album eine ungefähre Vorausschau dessen gaben, was in den folgenden fünf Alben passieren könnte. Da es zu der Zeit, als ich Band 1 bearbeitete, die letzten Bände mit dem vorläufigen Ende der Geschichte in Französisch noch nicht gab, war da immer eine gewisse Unbekannte mit im Spiel. Letztlich, und erfreulicherweise, erwies sich das Ganze dann aber als absolut stimmig.

Im Zuge Deiner Karriere hast Du bestimmt viele Zeichner kennengelernt. Wer ist Dir im Gedächtnis geblieben und mit wem hast Du ein freundschaftliches Verhältnis?

Die Kreativen in der Comicszene sind ein illustres Völkchen. Hinter interessanten Plots, die sich beim Comic in Text und Bild auf dem Papier entfalten, stehen in der Regel auch interessante Menschen. Natürlich ist es immer etwas Besonderes, wenn man mit den Autoren oder Zeichnern in Kontakt kommt, deren Comics man in eine andere Sprache überträgt oder zu deren Serien man in anderer Hinsicht, wie beispielsweise bei einer Gesamtausgabe in kommentierender Form, etwas beitragen darf. Ich schätze mich glücklich, dass ich unter anderem bei Festivals viele dieser Autoren und Zeichner persönlich kennengelernt habe. Zum großen Bekanntenkreis zählen aber auch Verlagsmitarbeiter, Comicbuchhändler, Journalisten und allgemein Kollegen, die man teils seit Jahrzehnten kennt, und wo sich mitunter wirklich freundschaftliche Verhältnisse entwickelt haben.

Welches der vielen Comics, die Du übersetzt hast, war Dir besonders wichtig?

Klingt vielleicht etwas platt, aber im Grunde versuche ich jeden Comic so gut wie möglich zu bearbeiten. Damit wird die Sache zwangsläufig wichtig. Die Übersetzung von Asterix plaudert aus der Schule war eine interessante Herausforderung, aber da ich das Album in allerkürzester Zeit bearbeiten musste, bleibt mir der Job nicht unbedingt in bester Erinnerung. Großartig fand ich die fünf Alben von Mister Blueberry, in denen Jean Giraud seinen Westernhelden auf höchst eigenwillige Weise präsentiert hat. Ohne die Erzählkunst von Jean-Michel Charlier schmälern zu wollen, aber dieser Zyklus ist meine Lieblingsstory in der Serie. Beeindruckend finde ich auch die von Steve Cuzor realisierte Serie O’Boys, die in gewisser Weise an Mark Twain erinnert. Im Mittelpunkt stehen der elternlose Junge Huck Finn und der schwarze Bluesman Charley Williams, die in den 1930er-Jahren als Hobos durch den Staat Mississippi reisen. Ich habe gerade für die Ehapa Comic Collection die Übersetzung des dritten Bandes Midnight Crossroad abgeschlossen, und muss sagen, ein toller Stoff, der atemberaubend in Szene gesetzt ist. Ich bin sehr angetan von dieser Reihe, und das nicht nur wegen der unzähligen Anspielungen auf den Blues.

Da Du ja ständig mit Comics zu tun hast – liest Du auch andere Literatur? In welche Richtung geht Dein Geschmack und was liegt bei Dir auf dem Nachttisch?

Ich wurde im Druckhandwerk groß, machte einst eine Lehre als Schriftsetzer, und hatte mit Büchern schon früh beruflich zu tun. Verschlungen habe ich sie aber vom frühesten Lesealter an. Literatur gehört für mich zum täglichen Leben wie Essen und Trinken. Da neben den Comics meine beiden anderen großen Leidenschaften die Kunst und die Musik sind, lese ich viele Ausstellungskataloge und Biografien. Meine Bettlektüre ist momentan die von Barry Miles aufgeschriebene Lebensgeschichte von Paul McCartney Many years from now, die bereits 1998 bei Rowohlt erschienen ist. Daneben liegt ein alter Henry-Moore-Ausstellungskatalog und als „richtige“ Literatur das zuvor gelesene Buch Fabian – Die Geschichte eines Moralisten von Erich Kästner.

Du hast zum Jahresende 2011 die Ausstellung „Comic im Kunstverein“ in Speyer eingeführt. Wie kam es dazu?

Freunde von mir, die dem sogenannten Pfälzer Comicstammtisch angehören, hatten die Möglichkeit, dieses Ausstellungsprojekt im Speyerer Kunstverein zu realisieren. Sie sprachen mich an, ob ich die Einführungsrede dazu halten möchte, und ich habe spontan zugesagt. Nachdem ich dann sah, was für tolle Originale von amerikanischen, belgischen, französischen und deutschen Top-Autoren – die private Leihgeber zur Verfügung stellten – dort präsentiert werden, war ich völlig hingerissen. Wer die Ausstellung verpasst hat, hat wirklich was verpasst. Einen Eindruck von der Qualität der Schau vermittelt der Katalog, der eigens dafür produziert wurde.

Du bist ja ein sehr umtriebiger Mensch. Was sind denn die nächsten Projekte, die bei Dir anstehen?

Arbeitsreiche Wochen liegen hinter mir: Ich habe etliche Titel produziert, Letterings korrekturgelesen, Comics übersetzt, Artikel geschrieben usw. Jetzt warte ich mit gespannter Vorfreude auf die gedruckten Ergebnisse. Eines davon kam dieser Tage mit der Post ins Haus, der erste Band in der Tassilo-Werkausgabe, die Salleck Publications, der Verlag von Eckart Schott, herausgibt. Ich finde, das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Mit dem Kopf bin ich natürlich schon in den nächsten Themen. Dazu gehören die Übersetzungen neuer Alben von Tassilo, Boule & Bill und Michel Vaillant, weitere Bände in den Gesamtausgabe-Reihen Tanguy und Laverdure, Lucky Luke und Tassilo sowie die Folgetitel in der mit Brockhaus Literaturcomics überschriebenen Reihe, wo ich die Bearbeitung der ersten fünf Bände vor kurzem abgeschlossen habe. Glücklicherweise gibt es einiges zu tun …

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

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