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Kichiku Neko’s Avatar

Auf der Connichi in Kassel hatte ich das Vergnügen, die beiden wunderbaren Frauen von Guilt/Pleasure kennen zu lernen: die Autorin Kichiku Neko (KN) und die Künstlerin TogaQ (TQ).

Dank einer abgetrennten Ecke am Stand von Tokyopop hatten wir die Gelegenheit, eine Weile über ihre Arbeit und „In these Words“ zu sprechen, die Geschichte, die die beiden bei ihren deutschen Fans bekannt gemacht hat.

Das Interview begann mit Kichiku Neko, da TogaQ bis in die Nacht gearbeitet hatte. Sie sollte ein wenig später dazustoßen. (Avatars: Copyright Guilt/Pleasure)

Wie sind Sie auf den Namen „Guilt/Pleasure“ gekommen? Ist es vergleichbar mit dem Ausdruck „guilty pleasure“ (dt.: ein Vergnügen begleitet von Gewissensbissen)?

KN: Eigentlich stammt der Name von Jo (TogaQ). Wenn Ihr Name in Kanji geschrieben wird, wird er auf chinesisch „Jo“ ausgesprochen und kann wie das Wort „Guilt“ (dt.: Schuld) oder „guilty“ (dt.: schuldig) gelesen werden. Sie wollte einen coolen Namen als Künstlerin, und als wir uns trafen, wollten wir unsere Namen als Team verbinden, nur leider war „Guilty Pleasure“ bereits vergeben. „Guilt/Pleasure“ war allerdings noch frei, also haben wir uns dafür entschieden.

Wie hat „In these Words“ begonnen? Es ist das erste, was Ihre deutschen Leser von Ihnen gelesen haben, daher starten wir damit, obwohl Sie bereits mehrere andere Werke in den Vereinigten Staaten veröffentlicht haben.

KN: Ich schreibe aus Spaß. Für mich ist es kathartisch, Menschen auf den Seiten umzubringen. (lacht) Als Jo und ich uns trafen, hatte sie bereits mehrere Jahre im Comicbereich gearbeitet – sie hat meist Cover entworfen und wollte etwas neues versuchen. Sie hat zwei Kinder und musste ihren Lebensunterhalt verdienen, aber sie fühlte sich etwas leer. Sie versuchte ihren ersten Boys Love-Manga zu schreiben, sagte mir aber, dass sie nur wenig Zeit hatte, um Geschichten für ihre Zeichnungen zu erfinden. Nach einer Weile kam sie zu mir und zeigte mir ihre Entwürfe und ich gab ihr Feedback. Sie kannte, was ich geschrieben hatte, und „In these Words“ war etwas, das sie gemeinsam mit mir als Graphic Novel umsetzen wollte. Wir entschieden uns, die Geschichte zusammen zu machen: Unser Ziel war es, genug Geld zu verdienen, um einmal im Jahr nach Italien zu reisen oder etwas ähnliches zu machen. Daher waren wir ziemlich verblüfft, wie schnell die Leute auf unsere Arbeit reagierten, und dass Herausgeber sich mit Angeboten an uns wandten.

In these Words 01Und so wurde es zu einem Vollzeitjob?

KN: Ja! Erstaunlich, nicht wahr? Es war ein Zufall, dass wir nun etwas tun können, das wir lieben, und auch noch dafür bezahlt werden!

Arbeiten Sie dann überhaupt noch in Ihrem „normalen“ Job?

KN: Fast 11 Jahre lang war ich Polizistin. Nach all der Zeit wird man ein wenig paranoid und man neigt dazu, zuerst das Schlimmste in den Menschen zu erwarten. Das wollte ich nicht. Nach all der Zeit wollte ich die Menschen immer noch mögen, und das ist der Grund, weshalb ich mich ein wenig von meinem Job zurückgezogen habe. Aber dank dessen kann ich die Geschichten schreiben, die ich schreibe.

Aha, das ist also der Grund, weshalb die Geschichten etwas düsterer sind als die Sachen, die man als Yaoi-Fan sonst so zu lesen bekommt?

KN: Ja, das ist es zum Teil. Jo und ich liegen altersmäßig ungefähr 5 Jahre auseinander, aber wir haben beide mit Boys Love- und Yaoi-Geschichten begonnen, die in der Schule spielten, und wollten jetzt etwas für ältere Frauen lesen. Wir hatten das Gefühl ausgeschlossen zu sein von unseren Lieblingsliebesgeschichten.

Ja, die Demographie hat sich geändert – die Mädchen, die mit Schulgeschichten begonnen haben, sind nun erwachsene Frauen und wollen erwachseneres Material lesen.

KN: Das ist der Grund, weshalb die Herausgeber nun anfangen, unser Material und Material zu kaufen, für das ältere Frauen die Zielgruppe sind. Wir sind in Japan groß herausgekommen, weil unsere Helden nicht die Jungs mit den großen Augen sind, die man normalerweise im Yaoi-Genre findet. Unsere Helden sind stark und sehen realistischer aus.

In welchen Ländern werden Sie nun veröffentlicht?

KN: Japan, es erscheint im BeBoy-Magazin. Korea, Frankreich, China und Taiwan kamen danach. In Deutschland war ich sehr davon beeindruckt, dass Jo Kaps unsere Doujinshi eine Zeitlang gelesen hat, bevor er uns wegen eines Vertrags kontaktiert hat. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass der Herausgeber weiß, was er oder sie veröffentlichen wird, weil unsere Arbeit, obwohl sie als Hobby begonnen hat, immer noch unser Baby ist. Wir sind sehr wählerisch bei den Lizenzen, die sie vergeben.

TogaQ's avatar

TogaQ’s Avatar

TogaQ kam an und wurde auf den aktuellen Stand gebracht.

Erhalten Sie Fanpost aus Deutschland?

KN: Ja, die Fans mailen uns. Sie sind sehr nett und unterstützen uns.

TQ: Wir haben sogar einige Cosplayer hier auf der Connichi gesehen.

Was halten Sie davon, dass Ihre Arbeit so viele Leute aus aller Welt miteinander verbindet?

KN: Es begann als Spaßprojekt, daher waren wir ein wenig überrascht.

TQ: Nun, die Geschichten, die wir erschaffen, sind etwas, das wir selbst lesen wollten, aber bisher nie gesehen hatten. Daher haben wir uns entschlossen, es selbst zu machen. Es ist sehr befriedigend zu sehen, dass so viele Leute unsere Geschichten lieben.

Wie schaffen Sie es, Ihre Zeit zwischen Familie, Job und Conventions wie dieser hier zu managen?

KN: Manchmal bin ich sehr müde, aber es ist immer noch etwas, das ich wahnsinnig gerne tue. Ich würde einen Energiedrink herunterkippen, um meine Arbeit zu beenden. Es ist ein wenig wie bei jemandem, der Videospiele liebt: Manchmal ist es schwer, die Augen offen zu halten, aber es ist auf seine Weise immer noch sehr befriedigend.

TQ: Manchmal wünschte ich, es gäbe mehr Stunden im Tag, damit ich sie mit meinen Kindern, meinem Ehemann und meiner Arbeit füllen könnte. Und da ist immer noch dieses Ding, das sich Schlaf nennt, das ich auch noch reinquetschen muss. Bevor wir unsere Arbeit verkauft haben, haben wir einen Tagesplan ausgearbeitet, der mir hilft, alles in die wenigen Stunden des Tages zu quetschen.

KN: Manchmal arbeitet Jo bis 4 Uhr früh und steht dann um 7 wieder auf, um ihre Kinder zur Schule zu bringen. Es ist einfach etwas, mit dem wir leben müssen. Manchmal sorge ich mich, dass mich diese Lebensweise zugrunderichten wird, aber es gibt noch so viele Dinge für mich zu tun …

Ähm, und Sie müssen die Geschichte auf jeden Fall beenden, bevor Ihnen etwas passiert!

KN: Ja, das ist etwas, das Jo eingefallen ist: Schreib mir das Ende, damit ich für den Fall, dass du vom Bus überfahren wirst, weiß, wohin wir mit der Geschichte unterwegs sind. (lacht)

TQ: Ich setze nur meine Prioritäten richtig. Wir haben bereits eine ungefähre Idee, wohin die Geschichte geht und wie sie enden wird.

Sie wissen also schon, wie die Geschichte ausgeht?

TQ: Sehr vage. Aber wir haben keine Ahnung, wie viele Bücher es geben wird. Buch zwei wird allerdings im Mai 2014 erscheinen.

Zur Vorbereitung habe ich die Doujinshi gelesen, die Sie hier auf der Connichi verkaufen – „New York Minute“, „First, do no Harm“ und „One of these Nights“. In allen erzählen Sie zuerst einen Teil der Geschichte als Manga und danach als Kurzgeschichte. Wie kamen Sie auf die Idee, die beiden Literaturarten zu mischen?

KN: Wir wollten den Lesern mehr Informationen geben, aber Jo hat nicht die Zeit, einen so großen Block an Informationen als Manga umzusetzen.

TQ: Für diese Gelegenheiten mache ich einfach die Illustrationen für Kichikus Roman-Teile wie beispielsweise in „In these Words“.

Wie hat Ihre Zusammenarbeit begonnen?

TQ: Ich habe sie gebeten mit mir zusammenzuarbeiten, als ich ihre Geschichten gelesen habe, weil ich mich einfach in ihre Arbeit verliebt habe.

KN: Ich arbeite wegen des Spaßes mit ihr. Ich sehe mich sicherlich nicht als professionelle Autorin. Wir stammen beide aus Taiwan, und ich brauche immer noch einen Lektor, weil Englisch nicht meine Muttersprache ist. Für eine gute Zusammenarbeit brauche ich auch eine Verbindung zu einer Person – und das ist der Grund, weshalb wir so gut zusammenarbeiten. Ich muss ihr so wenige Dinge erklären – sie versteht mich einfach.

TQ: Dazu kommt noch folgendes: Als ich in Amerika ankam, musste ich meine Karriere erst einmal etablieren. Ich wusste, dass ich das nicht durch etwas tun konnte, das ich mir selbst hatte einfallen lassen, und arbeitete deshalb mit mehreren anderen Autoren zusammen. Die meiste Zeit sagen dir diese Autoren sehr genau, wie viele Panels sie auf welcher Seite haben wollen. Aber wenn ich die Geschichte lese, habe ich manchmal eine andere Vision. Zum Beispiel würde ich gerne eine Doppelseite mit einem Bild machen, das wirklich wichtig ist, aber diese Leute haben mir gesagt, dass ich kleiner Panels machen soll. Auf diese Weise habe ich am Ende nur Cover erstellt, da ich dadurch mehr Kontrolle über meine Kunst hatte.

Ich bin ein kleiner Kontrollfreak. (lacht)

Was ich an der Arbeit mit Kichiku liebe ist ihre Fähigkeit, ihre Geschichte loszulassen und mich entscheiden zu lassen, wie ich die Panels und die Seiten zeichnen möchte. Wir diskutieren über die Geschichte, und sie gibt mir wichtiges Feedback, aber auf diese Art kann ich der Regisseur, der Fotograf und alles andere sein!

KN: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ihre Kunst nicht mein Spezialgebiet ist. Sie sagt mir nicht, wie ich meine Arbeit tun soll, und ich sage ihr nicht, wie sie ihre Kunst umsetzen soll. Andere Künstler lassen Teile meiner Geschichte weg, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. Als ich mit ihr gearbeitet habe, habe ich verstanden, dass sie mir jede Entscheidung, die sie bezüglich der Geschichte und der Bilder, die sie zeichnet, trifft, mitteilt. Ich kann ihre Entscheidungen nachvollziehen und sie verstehen.

Welchen Autoren oder Künstler bewundern Sie?

KN: Seit ungefähr vier oder fünf Jahren habe ich keinen Boys Love-Manga mehr gelesen, glaube ich. Die Inhalte waren für mich einfach nicht besonders interessant. Wegen meines Zeitmanagements schaue ich kein Fernsehen oder gehe ins Kino. Ich bevorzuge es, die älteren Klassiker wie „Les Misérables“ zu lesen. Die haben mir einfach wichtigere Dinge zu sagen. Aktuelle Bücher sind für mich wie „leere Kalorien“, glaube ich.

TQ: Mein absoluter Lieblingszeichner ist Osamu Tezuka (Black Jack, etc.). Er hat sich nie eingeschränkt, indem er sich auf ein Genre konzentriert hat. Der zweite Künstler ist Yoshikazu Yasuhiko, der Charakterdesigner für die ursprüngliche Gundam-Serie. Er hat auch keinen Mainstream produziert.

Sie orientieren sich also mehr an asiatischen Künstlern?

TQ: Ja. Sie habe ich in meiner Kindheit gelesen, und erst später kamen andere Künstler und Autoren vom Westen dazu. Es ist in Asien nicht besonders verbreitet, westliche Literatur zu lesen. Erst in den letzten Jahren wurde sie durch Hollywood etwas bekannter.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

KN: Wir wollen ständig verschiedene Dinge herausbringen, die uns interessieren. „The Bride“ ist ein wenig Twilight Zone-mäßig. „Father Figure“ ist wieder etwas ganz anderes. Das größte Projekt wird der zweite Teil von „Father Figure“ werden, aber wir haben so viele Ideen, dass es schwer ist, sich für eine zu entscheiden.

TQ: Ja, wir haben viele verschiedene Projekte, und das ist der Grund, weshalb ich gerne mit ihr arbeite. Wir fordern uns ständig gegenseitig heraus, dadurch wird es nie langweilig. Sie bringt mich dazu, Dinge zu tun, die ich nie zuvor getan habe, und umgekehrt.

KN: „Father Figure“ zum Beispiel ist etwas, das nie geplant war. Jo hat eine Vorliebe für Vaterfiguren, und ihr Geburtstag stand bevor. Ich wollte ihr ein Geschenk machen und sagte ihr, sie könne mir ein Thema vorgeben und ich würde alles für sie schreiben. Also erfand sie einen älteren Uke und einen jüngeren Seme und wollte dazu einen Inzest-Plot. Ich habe es als Herausforderung gesehen, da mir das normalerweise nicht sonderlich liegt. Ich wollte es einfach als persönliche Herausforderung sehen und nicht veröffentlichen. Aber um ehrlich zu sein, ich habe stundenlang geheult, als ich die letzten zwei Kapitel schrieb, und war emotional weitaus involvierter, als ich geplant hatte.

Um es ihr heimzuzahlen, habe ich etwas von ihr verlangt. Sie sagte mir anfangs, dass es ein paar Dinge gibt, die sie nie zeichnen wollte, und eines davon war Cross-Dressing.

TQ: Je männlicher ein Mann ist, desto abschreckender ist dieses Konzept für mich.

KN: Und dann sagte ich ihr, dass sie einen Kerl im Hochzeitskleid zeichnen sollte! (lacht) Wir versuchen immer, uns gegenseitig anzuekeln, und wahrscheinlich sitzen die Leser dann da und denken sich: Was zum …?!

TQ: (lacht) Ja, wir haben großes Glück, dass unsere Leser überall mit uns hingehen!

In these Words 02_plan

Das geplante Cover von Tokyopop

TQ: Ich glaube wirklich, dass die Menschen, wenn man eine Leidenschaft für etwas entwickelt, diese Liebe spüren und die Arbeit auch mögen.

Möchten Sie Ihren deutschen Lesern noch etwas mitteilen?

KN: Wir wissen es wirklich zu schätzen, dass Tokyopop sich für unsere Arbeit interessiert hat. Als wir hier in Kassel ankamen, dachten wir, dass wir vielleicht ein wenig Arbeit erledigt bekommen, während wir hier am Stand sitzen, aber wir haben schnell herausgefunden, dass wir immer etwas zu tun haben wegen all der Fans, die uns besuchen.

TQ: Es hat uns überrascht zu begreifen, dass unsere Arbeit so viele Menschen überall auf dem Globus verbindet. Wir fühlen uns sehr motiviert.

KN: Es ist anders, all diese Leute in einer Schlange vor unserem Stand zu sehen, statt E-Mails zu erhalten. Das hier ist die erste Convention, auf der wir die Sprache nicht wirklich verstehen. Es ist sehr spannend zu sehen, dass unsere Fans ein paar Zeilen auf englisch gelernt haben und sie uns dann rezitieren. Daher: Danke für eure Unterstützung!

Und vielen Dank für dieses Interview! 🙂

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