Frank Böhmert fotocredit Ben Eltschig ausschnittFrank Böhmert hat sich einen Namen als Übersetzer und Autor gemacht. Da sein Tätigkeitsfeld neben dem Betreiben eines Blogs so breit ist, wurde es höchste Zeit, ihn mal in seinem vollgepackten Alltag zu stören und einige Fragen loszuwerden. (Foto: Copyright Ben Eltschig)

Danke, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben.
Die Übersetzertätigkeit ist hart und oft von unschönen Vorwürfen vonseiten der Fans begleitet. Wie gehen Sie damit um bzw. was war bisher Ihr schönstes Erlebnis dabei?

Ach, so hart finde ich die Tätigkeit des Übersetzens nicht. Von seinen Autorenhonoraren zu leben ist deutlich härter – für mich. Ich habe es ja vor einigen Jahren mit „Perry Rhodan“ einmal probiert. Auch andere Jobs, die ich in meinem Leben gemacht habe, waren härter – als Lagerarbeiter etwa. Ganz zu schweigen von den Jobs, die wirklich hart sind und die andere Leute, Helden des Alltags, so machen.

Unschöne Vorwürfe habe ich bislang erst einmal erlebt. Da schrieb ein Zahnarzt auf dem Briefbogen seiner Praxis – er wollte wohl wichtig genommen werden – an den Verlag, was ich alles in einer Krimiübersetzung falschgemacht hätte. Das war eher putzig, weil der gute Mann völlig schimmerlos war. So beschwerte er sich darüber, dass ich das Wort „Polizei“ in der gar nicht existierenden Mehrzahl „Polizeien“ verwenden würde. Tja. Manche Sachen lernt man nicht an der Uni, erst recht nicht beim Studium der Zahnmedizin, sondern wenn man sich einmal mit Leuten aus dem Beruf unterhält. Und wenn an einem Tatort Autobahnpolizei, städtische Polizei und Bundespolizei zusammenkommen, dann sind eben die Beamten dreier Polizeien vor Ort; da kann man nichts machen, da hilft auch keine Wurzelbehandlung.
Lästerei beiseite: Manchmal gibt es Detailkritik, und die ist wichtig. Und richtig.

Am schönsten ist es natürlich, wenn jemand kommt, der auch das Original kennt, und sagt: Böhmert hat den Ton genau getroffen, so muss das auf Deutsch klingen. Das ist mir bei Robert B. Parker ein paarmal und bei James Tiptree jr. bis jetzt einmal passiert. Sehr erfreulich. Und einmal bedankte sich die Autorin einer Serie bei mir, weil ich im Deutschen ein paar Kleinigkeiten im Hintergrund umbauen musste, was ihr sogar beim Schreiben der Folgebände half und was sie auch an ihre anderssprachlichen Übersetzer weitergab.

Sie sind ein großer Sherlock Holmes-Fan. Was an Arthur Conan Doyles Werk lieben Sie besonders?

Als Schriftsteller finde ich, die Sherlock-Holmes-Geschichten sind nahezu perfekte Unterhaltungsliteratur. Sie sind originell, spannend, die Figuren sind glaubwürdig, die dargestellte Welt ist extrem austariert und vielfältig. Der Erzähler, zumeist Watson, strebt nach sprachlicher Klarheit. Und, was ich immer wichtig finde, der Autor tritt hinter die Geschichte zurück: Seine Hauptfiguren haben mitunter eine andere Weltsicht als er. Das alles zusammengenommen können die wenigsten.

Als jemand, der hundert Jahre später lebt, fasziniert mich, wie in den Sherlock-Holmes-Geschichten die Zivilisation hochgehalten wird. Da geht es um Erfindungen, Entwicklungen, Diplomatie, Kriege, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen; es kommen die Verwerfungen der damaligen Gesellschaft vor, aber unter allem schwingt das Grundgefühl mit, dass viel geschafft ist und vieles besser wird. Gleichzeitig sind London, England, der Kontinent, die vorgestellte Technik dreckig und laut, es gibt Rauchsalons, die Leute trinken – alles summt und brummt und ist sinnlich und wuchtig und hat bei allen Schrecken etwas Wunderbares. Das spricht mich als Zeitgenosse dieses zaudernden, ängstlichen, depressiven Westens im 21. Jahrhundert sehr an. Wir haben als globale Zivilisation so viel erreicht, es geht immer mehr Menschen besser als je zuvor auf diesem Planeten, und trotzdem wird in den Medien, den Betrieben, den Schulen, auf Partys praktisch immer nur der Apocalypso getanzt. Da wärme ich mich doch lieber an dem skeptischen Optimismus, der in den Sherlock-Holmes-Geschichten und anderer Literatur von vor hundert Jahren aufscheint!

Für den Septime-Verlag haben Sie James Tiptree Jr. übersetzt. Was war dabei Ihre größte Herausforderung?

Autsch, Tiptree beziehungsweise Alice Sheldon ist wirklich rundum eine Herausforderung.

Zunächst einmal von der Sprache her, die so verkürzt und machomäßig und lakonisch ist, wie es überhaupt nur geht. Da muss man ständig aufpassen, dass man im Deutschen nicht zu lang und geschmeidig wird. Außerdem werden Wörter und Redewendungen oft leicht falsch benutzt, ein bisschen neben der Spur; das lässt sich im Deutschen nur selten gut nachformen, weil es rasch zu gewollt aussieht – wir haben ja die Duden-Vorschriften, die unsere Prosa sehr durchformen. Bei uns wirken schräge Rechtschreibung und Grammatik schnell avantgardistisch; in einem traditionellen Einwanderungsland wie Amerika darf so etwas aber ganz locker und unauffällig in der Unterhaltungsliteratur stattfinden.

Zu guter Letzt bietet Tiptree in so gut wie jeder Story einen quietschbunten Blick in den Abgrund, der von der Weltsicht her so hoffnungslos fies ist, wie es überhaupt nur geht. Ein faszinierender Kontrast: tiefschwarze Geschichten in Technicolor-Kulissen! Da kommt man schon mal schlecht drauf beim Übersetzen, wo man diesen existentialistischen Schrecken ja quasi in Zeitlupe durchlebt.

Ich übersetze gerade die allererste veröffentlichte Tiptree-Story überhaupt, „Birth of a Salesman“ von 1968, eine lässige Humoreske über Probleme des interstellaren Warenverkehrs – das ist mal eine richtige Wohltat! Danach geht’s dann bestimmt gleich wieder voll an die Substanz.

Es gibt für mich niemanden, der einen so geistreich und mit so heißer Lebenssehnsucht in die Verzweiflung treiben kann wie Tiptree. Das muss ein überaus faszinierendes Menschenwesen gewesen sein – die Biografie, die darüber hinaus wunderbar geschrieben ist, kann ich nur empfehlen! Was für ein Ausnahme-Leben!

Neben zahlreichen Science-Fiction-Büchern haben Sie auch für LYX übersetzt. Eine der schwierigsten Szenen beim Übersetzen sind Sexszenen. Haben Sie dabei einen Trick, wie Sie vorgehen?

Eigentlich denselben Trick wie auch bei Dialogen oder überhaupt – laut übersetzen! Ich mache die Zimmertür hinter mir zu, und dann labere ich los. Da fällt rasch auf, was nicht richtig fließt, was zu flach klingt, zu technisch, zu dröge.

Eine raffinierte Methode!
Auch Kinder-/All Age-Bücher befinden sich in Ihrem Repertoire. Gibt es eine Romanart, die Sie bevorzugen?

Beim Übersetzen tatsächlich Jugendbücher. Was witzig ist, weil ich als junger Mensch eigentlich gar keine Jugendbücher gelesen habe; ich bin mit neun Jahren praktisch gleich in die Erwachsenenliteratur gewechselt. Aber offensichtlich habe ich dafür ein Händchen, entsprechend leicht fällt mir das Übersetzen, und entsprechend gern buchen mich die Verlage dafür.

Was an Lesungen gefällt Ihnen am besten?

Das direkte Feedback. Man merkt sofort, ob die Leute zuhören oder anfangen, sich zu langweilen. Es ist total spannend, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu kämpfen! Früher habe ich das bis ins Extrem getrieben und habe schon in S-Bahnzügen gelesen, in Kneipen, während Konzerten … Heute dürfen es gern ganz normale, gesittete Lesungen sein; die strengen diesen Fuffzichjährigen hier weniger an.

Das Absurdeste war mal eine Lesung in einem Sonderzug der Berliner S-Bahn an Halloween, wo wir Gruselgeschichten vorgelesen haben, ohne Mikro übrigens, während verkleidete Kinder durch die Waggons tollten und Zauberkünstler Tricks vorführten und was weiß ich. Während ich meine Geschichte vorlas, kotzten schräg vor mir zwei japanische Kinder ihre Süßigkeiten wieder aus; das war eine tolle Geräuschkulisse für eine Horrorstory!

Mein berührendstes Lesungserlebnis hatte ich vor etlichen Jahren auf einer Grundschule mit einer Art Integrationsklasse. Ich habe damals gerade die erste Fassung von „BLOSS WEG HIER!“ durchgeschrieben und dieser Klasse regelmäßig daraus vorgelesen. Es waren auch ein paar Kinder mit sehr provokantem Verhalten in dieser Klasse, darunter ein Rabauke, der beständig störte. Da es in meinem Roman ausgerechnet um einen unverstandenen Rabauken geht, dachte ich mir: Na warte, Bursche, dich kriege ich auch noch! Und was soll ich sagen – im Laufe der Lesungen wurde er immer ruhiger, ging er immer mehr mit, und als ich den Schluss vorlas, da hatte dieser schlimme Finger wirklich Tränen in den Augen und sagte: „Was für ein schönes Ende!“ Die behüteten Kinder waren entsetzt über das Ende, aber für diesen problematischen kleinen Kerl stellte es eine richtige Katharsis dar. Da wusste ich, dass ich meinen Roman nicht umsonst so angelegt hatte.

Wie bringen Sie Ihre vielen Termine und Arbeiten unter einen Hut? Sind Sie sehr organisiert?

Ja, sicher. Ich faulenze nämlich gern. Also will ich auch zügig und konzentriert mit meiner Arbeit fertig werden! Ich versuche, nicht mehr als sechs, sieben Stunden täglich zu arbeiten, bei einer Fünf-Tage-Woche. Dafür muss man schon ein bisschen organisiert sein. Und außerdem gilt: Je organisierter man ist, desto mehr Freiheit hat man. Je weniger man sein Leben selbst organisiert, desto mehr organisieren es andere für einen. Darauf kann ich gern verzichten.

Haben Sie im Zug Ihrer Tätigkeit auch Autoren kennen gelernt? Welche Begegnung ist Ihnen dabei am besten im Gedächtnis geblieben?

Ich lege es ehrlich gesagt gar nicht darauf an, die Autoren der Bücher kennenzulernen, die ich übersetze. Klar ist es nett, wenn sich übers Internet ein Kontakt ergibt; gerade über Blogkommentare geht das ja schnell, in beiden Richtungen. Aber Übersetzen ist vor allem Interpretieren, und das Interpretieren ist mein Job, da kann der Autor wenig helfen. Und das muss er ja auch gar nicht, denn sein Job ist das Schreiben des Buches, und den hat er ja schon geleistet. Er braucht jetzt Zeit für die nächste Geschichte und soll die nicht mit Hilfestellungen für seine diversen Übersetzer vergeuden.

Richtig nett und spaßig war damals der Kontakt zu der britischen Autorin M.G. Harris. Wir haben uns ab und zu Sachen in die Blogkommentare geschrieben, so ich ihr einmal mein erstes und bislang einziges durchgereimtes englischsprachiges Gedicht, und als sie vor ein paar Jahren in Berlin war, um für einen Krimi zu recherchieren, haben wir uns auf ein Frühstück getroffen. Aber das war wirklich eine Ausnahme. Was die eigentliche Übersetzungsarbeit angeht, versuche ich, meine Autorinnen und Autoren möglichst nicht zu behelligen. Vielleicht auch, weil ich mir ja selber die Zeit zum Schreiben immer irgendwo abknapsen muss.

Möchten Sie Ihren Fans noch etwas mitteilen?

Na klar: Tausend Dank, dass ihr diesem ewigen Geheimtipp hier die Treue haltet!

Und den Leuten, die mich noch nicht kennen, sei gesagt: Wenn euch dieses Interview gefallen hat, dann kauft euch ruhig mal eins von meinen Büchern! Die Chance ist groß, dass ihr damit ebenfalls euren Spaß haben werdet. Ich will ja schließlich nicht ewig ein Geheimtipp bleiben …

Vielen Dank für das Interview!

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