Lou TimosonoLou Timisono hat bei Balladine Publishing einen spannenden Thriller geschrieben, der ein erschreckend aktuelles Zukunftsszenario präsentiert. Im Rahmen der von Literaturtest veranstalteten Blogtour nimmt die Autorin von „Centum Night“ heute auf unserer Interview-Couch Platz …

In ihrer Veröffentlichung mischt Lou Timisono die klassische Dystopie mit einem packenden Thriller: Agent Eddie Bellefleur ermittelt gegen eine Verschwörung, die bis in die Spitzen der Coastal Alliance reicht. Für Lazy Literature hat sich die Autorin Zeit genommen, ein paar Fragen zu beantworten und bietet den Lesern einen kleinen Blick in die Entstehung ‚ihres‘ totalitären Systems.

Dystopien boomen (siehe „Die Tribute von Panem“) – was hat Sie bewogen, auf diesen Zug aufzuspringen? Lesen Sie dieses Genre auch in Ihrer Freizeit?

Es war die permanente Konfrontation mit Nachrichten über gewalttätige Machtdemonstrationen und Machtmissbrauch, die letztlich dazu geführt haben, dass sich ein dystopischer Thriller in meine Gedanken eingeschlichen hat. Privat lese ich zwar viel, aber nicht speziell Dystopien. Eine besondere Vorliebe habe ich für die modernen Klassiker aus den Vereinigten Staaten (Arthur Miller, Tennessee Williams u. a.). Und die Lyrik von Robert Frost und Rilke lese ich mit gleichbleibender Begeisterung.

Was waren Ihre literarischen Vorbilder für „Centum Night“ bzw. gab es ein Werk, das Sie besonders beeinflusst hat?

Tatsächlich gab es nicht nur ein Werk, sondern mehrere Bücher, die durch bestimmte Elemente in dieser Hinsicht Einfluss auf mich hatten. Dazu zählen z. B. Orwells „1984“ und Bradburys „Fahrenheit 451“, in denen mittels Sprache, Medien und Informationsentzug die Massen gelenkt werden. In Burgess‘ „Uhrwerk Orange“ wird demonstriert, wie sich Jugendliche u. a. auch mit dem Mittel der Sprache von der Erwachsenenwelt absondern und jegliche Empathie mit Menschen, die ihrer Gruppe nicht angehören, vermissen lassen – was zu Gewaltexzessen führt. Und Goldings „Herr der Fliegen“ geht ebenfalls auf schockierende Weise der menschlichen Natur auf den Grund.

Wie sind Sie an den Entwurf des totalitären Systems und seiner politischen Ideologie herangegangen?

Was treibt den Menschen an? Warum sind die Verhältnisse, wie sie sind? Wie könnte sich das alles weiterentwickeln? Die Antworten auf diese Fragen lieferten die Idee zum Entwurf meines Gesellschaftssystems. Trotz der futuristischen Elemente spielen in „Centum Night“ die zwischenmenschlichen Beziehungen die Hauptrolle, denn es geht um Macht und deren Missbrauch in allen Facetten. Die Gier nach Macht erzeugt einen Sog von Abgestumpftheit, Verrohung und Gewalt, der jede Ordnung zu zerstören droht. Einzige Hoffnungsträger sind die wenigen nicht-korrumpierbaren Individuen. Und wer Macht besitzt, will sie meist erhalten. Deshalb schirmt sich die Elite – in Mitteleuropa lebt sie im Landesteil Youbeau-Naxton – vom Rest der Bevölkerung ab.

Die Younax schaffen sich eine Art überdimensionalen Schutzschild: den Landesteil Solocity. Solos werden mithilfe spezieller Technologien ideologisch so zurechtgestutzt, dass starke Emotionen, Sex und Individualität keine oder nur eine geringe Rolle in ihrem Leben spielen. Auf diese Weise stellen sie (beinahe) einen Garanten für den Frieden dar, denn normalerweise sind sie obrigkeitshörig und frei von Aggressionen. Funktionieren sie gut, erhalten sie als Belohnung Privilegien, bei Fehlverhalten droht die Ausweisung in den dritten Landesteil – die Hölle von Bonnieville, in der die Verlierer dieses Systems leben. Auch der Centum Act soll der Sicherheit der Younax dienen. Das Gesetz scheint zumindest für die Kinder der Bonnies noch einen Hoffnungsschimmer zu bieten. Tatsächlich aber ist es hochgradig menschenverachtend. Und irgendwann nutzen dann auch die besten Sicherheitsvorkehrungen nichts mehr …

Warum wählen Sie dabei französische oder englische Begriffe, obwohl Sie auf Deutsch schreiben? Und wie kam es dazu, dass die Oberschicht so frankophil ist?

Die Sprache ist immer das Erste, was einer Kultur genommen wird, wenn diese von einem neuen Machthaber – in „Centum Night“ handelt es sich dabei um die Coastal Alliance – verändert werden soll. Und so untermauert die Oberschicht (Younax) durch die erkennbarste Ausprägung einer eigenen Sprache ihren Herrschaftsanspruch. Das heutige Deutsch ist durchsetzt von Amerikanismen, und ich habe mir vorgestellt, dass diese Entwicklung eher weiter zunehmen wird. Aber auch das Multikulturelle wird sich deutlicher in der Sprache widerspiegeln. Daher habe ich sowohl englische und amerikanische Begriffe verwendet, aber auch viele Kunstworte kreiert, die mal frei erfunden sind, mal auf amerikanischen, französischen, italienischen, spanischen oder chinesischen Worten beruhen. Ich lasse den Leser sofort in diese zukünftige Welt eintauchen und beziehe ihn dadurch von Anfang an unmittelbar in das Geschehen mit ein. Auf diese Weise eröffne ich ihm die Möglichkeit, ein Teil der neuen Welt zu werden. Zumindest ist das die Idee dahinter. Die Oberschicht ist nicht generell frankophil. Einen direkten Bezug zum Französischen besitzt nur Eddie Bellefleur, in gewissem Sinne auch Blue Wilmot. Beide leben in Solocity.

Planen Sie weitere Veröffentlichungen?

Ich habe zwei Fortsetzungen zu „Centum Night“ geschrieben, die beinahe fertig sind. Über einen vierten Teil denke ich gerade nach.

Vielen Dank für das Interview.

PS: Neugierig geworden? Wo die Blogtour rund um „Centum Night“ weitergeht, sehen Sie hier:

Blogtour Centum Night

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